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„Nur gut, dass ich zwei Teewurst-Stullen dabei hatte“ – HENRIS auf der Berlinale (Teil 2)

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Zugegeben: Glätte, Schnee und Minusgrade lassen die Berlinale im Vergleich zu den sommerlich-mondänen Filmfestivals in Cannes oder Venedig bisweilen etwas verhärmt wirken. Doch Qualität muss sich nicht auf der Straße zeigen, vielleicht nicht einmal zwingend auf dem roten Teppich. Sie entfaltet sich in den Lichtspielhäusern, die Mitte Februar wieder für zwei Wochen im Dauerbetrieb liefen. Rund 250 Filme aus aller Welt hat das Team um Festivalleiterin Tricia Tuttle für das größte Publikumsfestival der Welt kuratiert und damit mehr als gute Gründe geliefert, es sich in den Kinosesseln der Stadt gemütlich zu machen. Auch HENRIS-Redakteur Nick Pulina war vor Ort, hielt Ausschau nach großen Bildern, spannenden Gesprächen und natürlich nach kulinarischen Momenten im Film.

Nachdem wir uns in der letzten Woche mit Gabe Klingers Naturwein-Film ‚Isabel‘ die Kulinarik auf der großen Leinwand angeschaut haben, blicken wir heute auf die kulinarischen Fragen dahinter. Eine der besten Ansprechpartnerinnen dafür ist die Schauspielerin Rahel Ohm, die mit Eva Trobischs neuem Film „Etwas ganz Besonderes“ in der handverlesenen Königsklasse des Festivals zu sehen war: dem Wettbewerb. Wir treffen sie einen Tag nach der Weltpremiere im Foyer der Schauspielschule Ernst Busch, wo Ohm gerade mit Regie-Studierenden ein Theaterstück von Einar Schleef probt. Bei einem kühlen Jever Fun sprechen wir mit ihr über ihren neuen Film, die Verpflegung auf der Berlinale und ihren liebsten Genuss-Geheimtipp in Berlin: ein Theater mit der vielleicht besten Pizza der Stadt.

Frau Ohm, wie sieht Ihr Berlinale-Alltag in diesem Jahr aus?

Rahel Ohm: Dadurch, dass ich aktuell probe, kommt sowas wie ein Festival-Alltag kaum auf. Heute wäre zum Beispiel um 22 Uhr wieder so ein Empfang für Filmschaffende, aber das schaffe ich nach einem mehrstündigen Probentag einfach nicht mehr. Ich kann nicht so viel feiern. Das wird mir irgendwann auch mental zu viel. Wenn ich zu viele neue Eindrücke in zu kurzer Zeit kriege, kann ich nicht mehr richtig schlafen. Und da ich für die Proben fit sein muss, muss ich mich dann so ein bisschen ausklinken, so leid es mir tut. Denn mir ist natürlich auch bewusst, dass es ein Geschenk ist, da dabei sein zu dürfen und im Hauptwettbewerb zu laufen. Aber vielleicht schaffe ich es wenigstens noch, mir ein zwei Filme anzugucken.

Viel Zeit zum Essen bleibt da ja nicht mehr. Auf der Berlinale werden Sie aber wahrscheinlich bestens verpflegt?

Schön wärs! Es ist fast schon absurd, wie man da an seinem Premierentag über Stunden herumhängt und kaum etwas zu essen kriegt. Und weil du ständig irgendwelche Termine hast, in der Maske sitzt oder dich umziehen musst, kannst du dir ja auch nicht einfach mal schnell was kaufen gehen. Vor der Pressekonferenz gab es dann ein paar Schälchen mit Salat, aber da verzichte ich lieber. Wenn ich vor so einem Termin mit tausend Fotografen einen Salat esse, habe ich auf den Fotos am Ende noch irgendwas am Zahn hängen. Nur gut also, dass ich zwei Teewurst-Stullen dabei hatte, sonst wäre ich umgekippt (lacht).

Wenn Sie privat ins Kino gehen, wie halten Sie es da mit den kleinen Leckereien während des Films?

Das kommt total auf den Film an. Wenn ich jetzt irgendeine lustige Komödie gucke, dann freue ich mich auch, wenn ich mir eine Tüte Popcorn kaufen kann. Aber bei den meisten Filmen mag ich es eigentlich nicht, wenn sich alle währenddessen mit irgendwelchen Snacks vollstopfen. Am meisten hasse ich diese Momente, wenn du total in einer Szene drin bist und mitfieberst, und du dann die ganze Zeit nur das Rascheln und Kauen deines Sitznachbarn hörst. Es ist wirklich eine Unart, dass es üblich ist, sich im Kino genauso zu verhalten wie zu Hause vor dem Fernseher. Irgendwo ist das doch eine Frage des Respekts. Aber vielleicht bin ich da auch ein bisschen zu sehr alte Schule.

Worum geht es in Ihrem neuen Film „Etwas ganz Besonderes“?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Erst mal geht es um eine drei Generationen umfassende Großfamilie in Thüringen, die in gewisser Weise einen Schnitt der Gesellschaft abbildet. Darin spielt die Ost-West-Geschichte eine große Rolle, auch wenn sie nicht vordergründig behandelt wird. Abgesehen davon ist es auch ein Coming-of-Age-Film, der auf vielen Ebenen die Frage aufmacht: Wer bin ich eigentlich?

Wie wird die Ost-West-Thematik denn verhandelt?

Gerade bei meiner Rolle, die der Oma Christel, ist das ein wichtiger Aspekt, ebenso bei ihren Kindern. Ihre Tochter geht in den Westen und kommt erst Jahre später als vermeintlich gemachte Frau wieder zurück; ihr Sohn muss wegen der besseren Bezahlung ständig zum Arbeiten in den Westen pendeln, was schlussendlich aber seine Beziehung kaputt macht. An Christel merkt man besonders diese Zerrissenheit, mit der Menschen, die – wie ich – die Wende bewusst miterlebt haben, irgendwann konfrontiert waren.

Was für eine Zerrissenheit ist das?

In einer Szene wird Christel gefragt, was sie zu etwas Besonderem machen würde und sie definiert sich einzig und allein über Andere: Ihre besondere Leistung sei es, so tolle Kinder und Enkel großgezogen zu haben. In der DDR sind wir darauf getrimmt worden, nicht das Ich in den Vordergrund zu stellen, sondern das Wir. Dann kam die Wende und plötzlich sollte man nicht mehr ‚Wir’ sein, sondern ‚Ich‘. Und ein großer Teil dieser Menschen glaubt nun heute zu bemerken, dass ihr Ich gar nicht den politischen Einfluss hat, den sie sich von der Wende erhofft hatten. Das ist natürlich völlig bekloppt, so war das ja nie gemeint mit der Demokratie. Aber dieses Gefühl ist bei vielen Menschen aus der ehemaligen DDR offenbar vorhanden. Und auch, wenn das in dem Film so nie ausgesprochen und vielleicht nicht einmal bewusst so gemeint ist, finde ich schon, dass der Film auf seine eigene Weise sehr gut zeigt, wie es zu dieser ganzen AfD-Wählerei im Osten kommen konnte.

Christel ist die Inhaberin eines kleinen Waldhotels mitten im thüringischen Nirgendwo und schlägt sich als Gastronomin irgendwie durch. Hätten Sie auch das Zeug zur Gastronomin?

Ich persönlich als Rahel? Nein, auf keinen Fall. Erstens braucht man da Ahnung für und die habe ich nicht. Natürlich habe ich nach der Wende auch mal mit dem Gedanken gespielt, als ich nicht wusste, wie es mit dem Schauspiel so weitergehen würde, aber den hab ich total verworfen. Man muss Ahnung haben von kaufmännischen Sachen und die habe ich nicht. Und zweitens hält sich mein Bedürfnis, andere Leute zu bedienen, auch eher in Grenzen. Manchmal mache ich das schon auch gerne, aber nicht, wenn ich es jeden Tag muss.

Existiert das Hotel aus dem Film wirklich oder waren das nur Studio-Kulissen?

Das existiert wirklich. Wir haben in diesem Gasthof gedreht, der von einer über achtzigjährigen Frau betrieben wird. Zusammen mit zwei russischen Mädchen und einem Mann aus Syrien schmeißt die den Laden da ganz alleine, weil niemand aus ihrer Familie mehr übrig ist, der den Laden übernehmen kann oder will, und sich auch sonst niemand dafür interessiert, dort zu arbeiten.

Das heißt, als Catering gab es gute deutsche Hausmannskost?

Sie hätte das wirklich gerne gemacht, aber ja, sie kocht eben genau so: Bratkartoffeln, Schnitzel, Rouladen. Aber an so einem Filmset kommen ja so viele Veganer und ‚Unverträglichkeitsmenschen‘ zusammen, dass wir auf ein externes Catering zurückgreifen mussten, auch wenn es schade war.

Gibt es zum Abschluss noch ein kulinarisches Berlin-Geheimnis, das Sie smit uns teilen möchten?

Die Pizza am Monbijou-Theater! Da gibt es knapp zehn verschiedene Sorten und die Pizza ist so authentisch und gut. Und da das Monbijou-Theater ja wirklich noch so ein richtiges Volkstheater ist, kann man seine Pizza eben auch mit reinnehmen und vor Ort essen, während die Leute da spielen. Das gehört fast schon dazu. Ich spiele dort selbst viel, aber ich gucke mir auch unheimlich gern die Stücke der Kollegen an und liebe es einfach, mich im Sommer mit einer dieser Pizzen ins Theater oder mich an die Spree zu setzen und den Abend zu genießen.