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Warum wir gerade jetzt unbedingt auch mal in die Vergangenheit blicken müssen.
TEXT Hans Fink I TITELFOTO Weingut Baron Knyphausen
Lieber Baron Knyphausen,
in diesen wunderbaren Verkostungswochen ist uns eine wahre Preziose begegnet – und die verdanken wir Ihnen: ein 1976er Erbacher Michelmark Riesling Trockenbeerenauslese. Ein Wein, der ein halbes Jahrhundert alt ist und dennoch nichts von seiner Kraft verloren hat. Im Gegenteil. Was sich in unseren Gläsern entfaltete, war eine Explosion von Aromen, Tiefe und Eleganz. Lebendig, konzentriert und von einer beinahe unglaublichen Frische. Ein Wein, der nicht nur hervorragend gereift ist, sondern erzählt, wie groß Riesling sein kann.
Im Namen unseres gesamten Verkostungsteams möchte ich Ihnen dafür einfach nur Danke sagen. Solche Weine öffnet man nicht – man begegnet ihnen.
Und dann kam uns ein Gedanke. Ein Wein ist immer auch ein Zeitzeuge. Er bewahrt nicht nur Säure, Frucht und Finesse, sondern auch ein Stück Geschichte. Während dieser Riesling fünf Jahrzehnte in der Flasche reifte, veränderte sich die Welt.
Was geschah eigentlich 1976? Woran erinnern wir uns? Was hat bis heute Bestand – so wie dieser Wein? Steve Jobs und Steve Wozniak bauten in einer kalifornischen Garage den ersten Apple-Computer und legten damit den Grundstein für eine Revolution. Niki Lauda überlebte seinen schrecklichen Unfall auf dem Nürburgring und schrieb wenige Wochen später eines der größten Comebacks der Sportgeschichte. Und glauben Sie mir, wie ich litt, ich war neun Jahre alt, in Wien zu Hause und ein großer Fan dieses Fahrers. Nadia Comaneci turnte zur ersten perfekten Zehn der Olympiageschichte. ABBA ließ die Welt zu „Dancing Queen“ tanzen. In Frankreich revolutionierte Paul Bocuse mit der Nouvelle Cuisine die Spitzengastronomie, und beim legendären „Judgment of Paris“ wurde die Weinwelt für immer verändert. All das geschah in jenem Jahr, aus dem auch Ihr Riesling stammt.
Deshalb möchten wir diesem außergewöhnlichen Wein seinen geschichtlichen Kontext schenken. Denn manche Jahrgänge erzählen weit mehr als nur die Geschichte eines großen Weines. Sie erzählen von einer Zeit. Lesen Sie selbst, lieber Baron – und natürlich auch Sie, liebe Leserinnen und Leser.
Willkommen zu einer Reise zurück in das Jahr 1976. Während in den Steillagen des Rheingaus die letzten Trauben eines außergewöhnlichen Jahrgangs gelesen wurden und aus ihnen jene Trockenbeerenauslese entstand, die heute – fünfzig Jahre später – noch immer mit verblüffender Lebendigkeit begeistert, schrieb die Welt Geschichte.
In den Vereinigten Staaten gewann Jimmy Carter die Präsidentschaftswahl. Nach Watergate und den gesellschaftlichen Verwerfungen der frühen Siebziger sehnten sich die Amerikaner nach Vertrauen, Ehrlichkeit und einem Neuanfang. Fast zeitgleich endete in China eine ganze Epoche: Mit dem Tod Mao Zedongs schloss sich eines der bedeutendsten Kapitel des 20. Jahrhunderts und machte den Weg frei für ein neues China.

Auch Deutschland befand sich im Wandel. Helmut Schmidt blieb Bundeskanzler und vermittelte mit seiner nüchternen Art Stabilität in bewegten Zeiten. Gleichzeitig wurde die Anschnallpflicht eingeführt – heute selbstverständlich, damals ein heftiger Eingriff in die persönliche Freiheit. Kaum eine Maßnahme wurde so leidenschaftlich diskutiert wie der Sicherheitsgurt.
Doch 1976 war weit mehr als Politik. Es war das Jahr, in dem eine zierliche 14-jährige Rumänin die Welt sprachlos machte. Nadia Comaneci turnte bei den Olympischen Spielen in Montreal als erster Mensch der Geschichte die perfekte Zehn. Die Anzeigetafeln konnten dieses Ergebnis gar nicht darstellen – sie zeigten schlicht „1.00“. Perfektion war technisch nicht vorgesehen.
Für uns im deutschsprachigen Raum hatte dieses Jahr noch eine weitere Heldin: Rosi Mittermaier. Mit zwei Gold- und einer Silbermedaille wurde „Gold-Rosi“ in Innsbruck zur Ikone des Wintersports. Millionen fieberten vor den Fernsehgeräten mit – Farbfernsehen war inzwischen in vielen Wohnzimmern angekommen und ließ den Sport plötzlich noch ein Stück näher rücken.

Und dann war da Niki Lauda. Sein Unfall auf dem Nürburgring gehört zu den dramatischsten Momenten der Formel-1-Geschichte. Sein Ferrari stand in Flammen, niemand glaubte ernsthaft an eine Rückkehr. Doch nur sechs Wochen später saß Lauda bereits wieder im Cockpit. Dieses Comeback war weit mehr als eine sportliche Leistung – es wurde zum Sinnbild für Mut, Willenskraft und die Fähigkeit, nach schwersten Rückschlägen wieder aufzustehen. Sein Vermächtnis reicht bis heute weit über den Motorsport hinaus.
Während Europa gebannt auf die Rennstrecken blickte, begann in Kalifornien beinahe unbemerkt eine andere Revolution. Zwei junge Männer – Steve Jobs und Steve Wozniak – präsentierten den Apple I. Rund zweihundert Exemplare entstanden in einer Garage. Niemand konnte damals ahnen, dass daraus eines der wertvollsten Unternehmen der Welt entstehen würde und Computer eines Tages unser täglicher Begleiter sein würden.

Auch die Kultur schenkte uns Werke, die bis heute nichts von ihrer Strahlkraft verloren haben. Sylvester Stallone machte mit Rocky den Traum vom Außenseiter weltberühmt. Robert De Niro brillierte in Taxi Driver. Und aus Radios in aller Welt erklangen die Stimmen von ABBA. Dancing Queen wurde zum Soundtrack eines Jahrzehnts – und vermutlich auch mancher Weinlese.



Für Genießer war 1976 ebenfalls ein Schlüsseljahr. In Frankreich revolutionierten Paul Bocuse, Michel Guérard und Alain Senderens die Spitzengastronomie. Die Nouvelle Cuisine verabschiedete sich von schweren Saucen und opulenten Menüs. Plötzlich standen Leichtigkeit, Produktqualität und Präzision im Mittelpunkt – Werte, die bis heute jede große Küche prägen. Fast zeitgleich erschütterte eine Blindverkostung in Paris die Weinwelt. Beim legendären „Judgment of Paris“ triumphierten kalifornische Weine über die renommierten Bordeaux und Burgunder. Erstmals wurde deutlich, dass Weltklasse nicht allein aus Europa kommen musste. Die internationale Weinkultur begann sich neu zu erfinden.
Und irgendwo, vielleicht an einem warmen Herbstabend im Rheingau, wurden die Trauben für jenen Riesling gelesen. Fünfzig Jahre später existiert manches von damals nur noch in Geschichtsbüchern. Politiker kommen und gehen. Unternehmen verschwinden. Moden vergehen. Selbst große Sportmomente verblassen irgendwann. Doch manche Dinge gewinnen mit der Zeit.
Ein großer Wein gehört dazu. Vielen Dank.
Ihr Hans Fink

Weingut Baron Knyphausen

Erbacher Michelmark Riesling Trockenbeerenauslese 1. Lage 1976
Sehr dunkle Bernsteinfarbe. Duftet nach Orangensaft, Safran, Haselnuss und dunklen Pralinen. Vielschichtig. Die angenehme Viskosität wird von röstigen, herben, gebackenen Noten begleitet. Sehr gute, feine Bitternote im Finale. Kontemplativ.
Bildnachweis: Bild 1 Jimmy Carter (v.o.): Jimmy Carter Library; Bild 2 Niki Lauda: Wikimedia Commons; Bild 3: TIME Magazine / 17. Oktober 2011 / Foto: Norman Seeff; Bild 4 Paul Bocuse: Restaurant Paul Bocuse; Bild 5 ABBA: Verhoeff / Anefo / Nationaal Archief; Bild 6 Rocky: United Artists
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