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TEXT Nick Pulina | FOTOS Hotel Petrus
Unterwegs im …
Hotel Petrus: Unser Autor Nick Pulina war zu Besuch in Bruneck, Südtirol, und hat dort die alpine Ruhe und Kulinarik erlebt.
„Hier steht alles voller Brokkoli, daneben wächst Kohlrabi und da stehen die Radieschen und die Blattsalate.“ Es ist ein regelrechtes Gemüseparadies, das sich Hans Aichner auf seinem Lechnerhof zusammengesät hat. Auch frisches Obst, Kräuter und das eine oder andere Blümchen baut der sympathische Hobbygärtner hier an. Ein reines Spaßprojekt ist das nicht. Alles, was Hans hier anbaut, hat einen klaren Bestimmungsort: das Hotel Petrus, den Dreh- und Angelpunkt im Leben von Familie Aichner.
„Das ist Lotte, unsere Empfangsdame“, scherzt Daniela Aichner und deutet auf die große Berner Sennenhündin, die es sich auf den warmen Steinplatten vor dem Hoteleingang gemütlich gemacht hat. Während ich noch überlege, ob es ein passenderes Maskottchen für ein Wellnesshotel geben könnte, lasse ich mich von Daniela durchs Haus führen. Gemeinsam mit ihren Schwestern Brigitte und Christina leitet sie inzwischen das Hotel in Reischach bei Bruneck, das ihr Vater Hans in den 70er Jahren eröffnet und über mehrere Jahrzehnte mit seiner Frau Gerti geführt hat.
Schon während ich mir meine Unterkunft zeigen lasse, bin ich erfüllt von der herzlich-familiären Atmosphäre, die das gesamte Hotel zu durchziehen scheint. Die Freundlichkeit, die man hier jedem einzelnen Gast entgegenbringt, ist aufrichtig und genauso stimmig wie die geschmackvolle Einrichtung, die jeden einzelnen Raum prägt; so auch die neu eingerichtete Wellness-Suite, in der ich für die nächsten Tage unterkommen darf. Die Komposition aus hellen Grautönen, Naturholz und geschwungenen Linien wirkt auf eine eigentümliche Art und Weise modern und gleichzeitig urgemütlich. Wohl um mir die Orientierung zu erleichtern, sind überall handgeschriebene Notizen deponiert, die mir beispielsweise die Bedienung des Whirlpools und die Herkunft des frischen Quellwassers erklären oder mir einfach einen schönen Aufenthalt wünschen.
„Da wir es selbst lieben, wenn wir im Urlaub umsorgt werden, haben wir uns dafür entschieden, auch unseren Gästen das Frühstück direkt am Tisch zu servieren“, erklärt mir Christina Aichner am nächsten Morgen, während sie ein längliches Brett mit allerlei verschiedenen Köstlichkeiten vor mir auf dem Tisch platziert. „Mit diesem Frühstücksbrett, vom Papa selbst geschreinert, haben Sie Ihr ganz eigenes kleines Buffet mit Käse, Wurst, Müsli und vielen weiteren schönen Sachen. Sollten Sie von irgendetwas mehr haben möchten, sagen Sie einfach Bescheid.“ Während ich genüsslich meinen Apfel-Rote-Bete-Saft trinke, werfe ich einen Blick auf das heutige Frühstücksmenü. Hierauf finden sich noch einige ebenfalls täglich wechselnde „Add-Ons“ wie ein Smoothie des Tages, Eierspeisen, kleinere warme Gerichte oder frischer Aufschnitt direkt aus der Berkel, die sich jeder Gast nach Lust und Laune dazu bestellen kann. Normalerweise, so sagt man mir nach dem Frühstück, dürfe ich nun noch die Gangfolge für mein Abendessen wählen. Da ich an diesem Abend allerdings für das einmal wöchentlich stattfindende Tasting-Menü eingeplant bin, entfällt dieser Schritt und ich nutze die gewonnene Zeit, um ein paar Bahnen im 25 Meter langen In- und Outdoor-Pool des hoteleigenen Schwimmbads zu ziehen.

Der eindrucksvolle Kronplatz, Hausberg Brunecks, lässt sich hier sogar aus dem Wasser heraus bewundern

Abends finde ich mich im hauseigenen Fine-Dining-Restaurant Kaminstube ein, einem urig holzgetäfelten Séparée des Hauptrestaurants, wo das Serviceteam unter Leitung von Sommelière Brigitte Aichner einmal in der Woche ein siebengängiges Tasting-Menü serviert. Hier darf die Küche ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Nach einigen hausgemachten Crackern und hervorragendem Fingerfood ist es die erste Vorspeise, die mich mit ihrer zarten Leichtigkeit und besonderen Frische begeistert. Es sind aus hauchdünnen Kohlrabischeiben geformte Fagottini, mit Ziegenfrischkäse gefüllt und zusammen mit einigen in Rote-Bete-Saft eingelegten Kohlrabiwürfeln in einem Buttermilchfond angerichtet. Hier kocht jemand, der nicht nur ein Gespür für die spannungsvolle Komposition unterschiedlicher Texturen und Aromen hat, sondern auch sein Handwerk mit Präzision und Können anzuwenden weiß. Ein Eindruck, der durch den Fortgang des Menüs immer weiter untermauert wird. Sei es der gegrillte Zander mit Gazpacho-Fond, die in Blaukrautwasser perfekt gegarte Pasta mit Flusskrebscarpaccio oder das pochierte Wachtelei mit buttrigem Blumenkohl, in das ich mich direkt hineinlegen möchte. So und nicht anders muss Südtiroler Alpenküche in einem Rahmen wie diesem serviert werden: reichhaltig, aber nicht erschlagend, vielfältig, aber mit erkennbarem roten Faden, frisch und leicht, aber nicht fade oder substanzlos. Und auch Brigitte Aichners Weinbegleitung – ein vinophiler Streifzug durch ganz Südtirol – gelingt immer wieder ein „perfect match“. Als sie mich beim Servieren des Desserts fragt, ob ich mir am nächsten Tag ansehen möchte, woher der Großteil des heute servierten Gemüses stammt, muss ich nicht zweimal überlegen.


Und so mache ich mich am nächsten Morgen zusammen mit Hans auf den Weg zum Lechnerhof. In seinem Smart dauert das sportliche zwei Minuten, schließlich liegt der Hof nicht einmal einen Kilometer vom Hotel entfernt. Mehr „regional“ geht nicht. „Im Jahresdurchschnitt können wir knapp die Hälfte aller verbrauchten Gemüse, Kräuter und Früchte aus unserem eigenen Anbau beziehen“, erklärt Hans und drückt mir eine kleine orange-grün-gestreifte Datteltomate in die Hand. „Eines meiner neuesten Projekte, wir wollen ja nicht, dass es unseren Gästen langweilig wird.“ Chemische Pestizide nutzt Hans nicht, stattdessen greift er auf eine alte, zuvor beinahe in Vergessenheit geratene Technik zurück: Er dämpft vor jeder Aussaat die – natürlich aus eigenem Kompost hergestellte – Erde mit einer eigens dafür entwickelten Konstruktion und macht sie so resistent gegen unerwünschte Keimlinge und Mikroorganismen.

Zurück im Hotel zieht es mich nun in den „dahòame-Spa“ genannten Wellnessbereich, der mit mehreren Saunen, Dampfbädern und thematisch abgestimmten Ruheräumen aufwartet. Auch hier steht alles im Sinne der regionalen Ganzheitlichkeit. Sei es der „Fieno“-Ruheraum, der einem Heuschober ähnelt und durch Unmengen frisch gemähten Wiesenheus auf dem Boden auch genau diesen Duft verströmt, der durch lokales Zirbelholz veredelte „Cirmolo“-Raum mit einmalig bequemen Wasserbetten oder der „Lana“-Raum, in dem auf gemütlichen Liegen die positive Wirkung von Schafwolle, Torf und Leinen auf den Körper spürbar gemacht werden soll. Nachdem ich es mir auf einer der kuschelweichen Unterlagen gemütlich gemacht habe, denke ich zurück an den Ausflug auf den Lechnerhof und an das hervorragende Abendessen des gestrigen Abends. Dann lasse ich meine Gedanken zurück zum allerersten Eindruck schweifen, den das Petrus bei mir hinterlassen hat: die Berner Sennenhündin Lotte, die in tiefer Entspannung in der Sonne schlummert. Ich tue es ihr gleich.







