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„Naturwein ist so menschlich“ – HENRIS auf der Berlinale (Teil 1)

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Zugegeben: Glätte, Schnee und Minusgrade lassen die Berlinale im Vergleich zu den sommerlich-mondänen Filmfestivals in Cannes oder Venedig bisweilen etwas verhärmt wirken. Doch Qualität muss sich nicht auf der Straße zeigen, vielleicht nicht einmal zwingend auf dem roten Teppich. Sie entfaltet sich in den Lichtspielhäusern, die in den vergangenen zwei Wochen wieder im Dauerbetrieb liefen. Rund 250 Filme aus aller Welt hat das Team um Festivalleiterin Tricia Tuttle für das größte Publikumsfestival der Welt kuratiert und damit mehr als gute Gründe geliefert, es sich in den Kinosesseln der Stadt gemütlich zu machen. Auch HENRIS-Redakteur Nick Pulina war vor Ort, hielt Ausschau nach großen Bildern, spannenden Gesprächen und natürlich nach kulinarischen Momenten im Film. Das Ergebnis lesen Sie heute und in der kommenden Woche.

Die Zeiten der Sektion „Kulinarisches Kino“, die Dieter Kosslick während seiner Amtszeit als Berlinale-Direktor etabliert hatte, sind zwar vorbei. Doch im weit verzweigten Programm finden sich weiterhin genussvolle Perlen, die nur darauf warten, von uns Feinschmeckerinnen und Feinschmeckern entdeckt zu werden. Eine dieser Perlen lief in diesem Jahr in der Panorama-Sektion: „Isabel“, der neue Film des brasilianischen Regisseurs Gabe Klinger. Worum es darin geht, was Film und Wein verbindet und warum es hierzulande nahezu unmöglich ist, brasilianischen Naturwein zu bekommen, erläutern der Regisseur und seine Hauptdarstellerin Marina Person im Gespräch.

Worum geht es in Ihrem neuen Film „Isabel“?

Gabe Klinger (GK): Isabel ist eine Frau, die mit ihrem Job als Sommelière in einem Sternerestaurant zunehmend unzufrieden ist und sich daher entschließt, ihren Traum zu verwirklichen und eine Naturweinbar in São Paulo zu eröffnen. Sie will nicht mehr fremdbestimmt arbeiten, sondern sich einen Ort schaffen, an dem sie alles völlig autonom und nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten kann. Der Film selbst ist einfach ein Ausschnitt aus ihrem Leben.

Marina Person (MP): Ein Leben, dem sie mehr Sinn zu verleihen sucht. Sie ist jetzt in ihren Fünfzigern und stößt an einen Punkt, an dem sie sich fragt: Ist das wirklich alles? Also beschließt sie, ihr komplette Existenz einmal auf links zu drehen. Auch wenn das niemand sonst wirklich zu verstehen scheint – ihr ehemaliger Chef bezichtigt sie des Diebstahls, ihre Mutter rät ihr nachdrücklich zu einer sicheren Anstellung, ihr Mann muss für längere Zeit nach Europa und kann sie nur begrenzt unterstützen –, möchte sie es zumindest versuchen.

Haben Sie selbst einen Wein-Hintergrund oder wie sind Sie auf dieses Sujet gekommen?

GK: Ich bin ein Amateur, aber ich habe eine große Liebe zu handwerklich hergestellten ‚low intervention’-Weinen. Und ich denke, das passt zum Geist des Films. Naturwein ist so menschlich, hat eine so schöne Subjektivität und Poesie, die man bei den großen industriellen Weinen nicht findet. Wenn ich an meinem Wein nippe, möchte ich einen Wein, an den ich mich erinnere, der eine Diskussion anregt und mich vielleicht ein wenig herausfordert. Im Film spricht Isabel von der Rebsorte Peverella. Die ist im 19. Jahrhundert von italienischen Missionaren nach Brasilien gebracht worden und hat sich nun genetisch an den hiesigen Boden angepasst. Soweit wir wissen, baut in Italien niemand mehr diesen Wein an. Und da setzt für mich die Metapher an: Isabel identifiziert sich mit dieser Rebsorte, die wie sie eine Außenseiterin ist. Peverella zu trinken ist eine kleine Herausforderung, denn er ist nicht ‚Everybody’s Darling‘. Die meisten stellen daraus Orange Wine her, der manchmal etwas ruppig sein kann. Es gibt sogar Winzer in Brasilien wie Luíz Henrique Zanini vom Weingut Era Dos Ventos, die oxidierten Peverella produzieren, der dann wirklich ausgefallen, aber auch unglaublich schön ist. Manche Leute probieren den und sagen, er sei wunderbar, andere wollen ihn sofort wieder ausspucken. Das ist doch super interessant!

MP: Oh ja, das kenne ich. Ich bin jetzt seit 13 Jahren in dieser Welt unterwegs. Den ersten Naturwein habe ich 2013 in Frankreich probiert, danach wurde ich ein großer Fan davon. Heute kaufe ich für mich selbst nur noch Naturwein. Einige meiner Freunde waren total neugierig, diesen Stil kennenzulernen, andere haben ein-, zweimal probiert und mich dann gefragt, ob ich nicht auch etwas Normales da hätte (lacht). Gabe und ich kannten uns vor diesem Film nicht. Als er mich angerufen und zu den Dreharbeiten eingeladen hat, wusste er nicht, dass ich kurz vor der Pandemie tatsächlich selbst darüber nachgedacht hatte, mit meinem Mann eine Weinbar zu eröffnen. Wir leben in Brasilien und die Jahre zwischen 2016 und 2018 waren wirklich schwierig mit dem „anderen Präsidenten“, wie ich ihn nenne. Wir dachten, wir sollten uns ein zweites Standbein aufbauen, denn die beste Zeit zum Filmemachen war es nicht. Da dachten wir an eine Weinbar. Insgeheim wollten wir vielleicht einfach nur einen schönen Ort zum Ausgehen haben. Letztendlich wurde aus dieser Idee aber nichts. Und das war ein unglaubliches Glück für uns, denn kurz darauf kam die Pandemie und fast alle kleinen Weinbars mussten schließen.

GK: Sie war Isabel, wir mussten diesen Film einfach zusammen machen!

Sie erzählen die Geschichte aus der Perspektive einer Sommelière und zeigen in Ihrem Film auch eine weitere Weinautorin. Ist die brasilianische Weinszene wirklich so weiblich geprägt?

GK: Ja, das ist tatsächlich sehr repräsentativ. Vor allem diese kleinen Nachbarschaftsbars werden oft von bestens ausgebildeten Frauen betrieben.

MP: Und auch auf Seiten der Produzenten sind wir Frauen gut vertreten. Ich denke da an hervorragende Winzerinnen wie Vanessa Medin oder Gabi Suthoff vom Weingut Montaneus.

Es ist schlicht unmöglich, in Deutschland an brasilianische Naturweine zu gelangen. Woran liegt das?

MP: Das hat in erster Linie einen bürokratischen Grund. Es ist tatsächlich nicht erlaubt, Naturweine aus Brasilien zu exportieren, da ihnen die landwirtschaftliche Klassifizierung verweigert wird. Es gibt eine Lobby, die sich dafür einsetzt.

GK: In gewisser Weise wäre das aber auch kontraproduktiv. Sobald man den Wein international zugänglich machen möchte, muss man die Produktion hochfahren und Sulfite hinzufügen, damit er transportiert werden kann. Diese ganzen Dinge eben, die Naturweinproduzenten ja eigentlich nicht tun wollen. Ich habe das Gefühl, die meisten Naturweinproduzenten Brasiliens sind eigentlich ganz zufrieden damit, so autark zu sein. Sie füllen ihre 600 bis 1000 Flaschen von einem Wein ab, verkaufen sie an ein paar Restaurants und wenn man ihn probieren möchte, muss man nach Brasilien kommen. Das hat doch auch etwas sehr Schönes an sich.

Haben Sie schon einmal deutsche Naturweine probiert?

MP: Aber natürlich. Erst gestern hatten wir einige Flaschen, die richtig gut waren. Außerdem gibt es einmal pro Jahr eine ziemlich große Naturweinmesse in São Paolo, auf der auch einige deutsche Weingüter vertreten sind. Dort habe ich schon richtig gute Weine probiert, kann mich aber leider nicht mehr an die Namen erinnern.

GK: Ich habe mich bislang eher mit einigen österreichischen Erzeugern wie Meinklang oder Gut Oggau auseinandergesetzt, die ich hauptsächlich deshalb kenne, weil sie auch zu uns exportieren. Aber ich bin schon sehr neugierig darauf, während ich in Berlin bin, einige deutsche Weingüter zu entdecken, vor allem diese kleinen Betriebe ohne eigenen Export. Ich finde es immer erstrebenswert, bewusst aus diesem Nexus aus Frankreich, Italien, Spanien und Portugal herauszutreten und Weine aus Österreich, Rumänien, Slowenien, Georgien usw. zu probieren. Das sind wirklich großartige Länder für Naturweine, die international jedoch eher als Außenseiter gelten. Und Deutschland würde ich schon auch dazuzählen. Denn selbst in Anbetracht der weltweiten Bekanntheit des deutschen Rieslings ist Deutschland ja längst nicht so eine Massenfertigung wie beispielsweise Bordeaux oder Kalifornien.

Wie viel Wein wurde am Set wirklich getrunken?

GK: Ich würde sagen, zur Hälfte war es Wein, zur Hälfte Wasser, je nachdem, zu welcher Tageszeit wir gedreht haben. Aber fünf Flaschen pro Tag sind während der 24 Drehtage schon mindestens weggegangen, insgesamt vielleicht um die 200. Und das ohne unser Privatleben mitzurechnen. Ich meine, wenn man nach einem Tag voller Weingespräche nach Hause geht, möchte man weiter recherchieren. Das ist das Wunderbare daran, wenn man sein Hobby mit seiner Arbeit verbinden kann: Die Recherche hört nie auf.


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