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TEXT Kerstin Böhning I Weingut Glaser-Himmelstoss
Im HENRIS Weinguide 2026 haben wir die spannendsten Nachwuchswinzerinnen und -winzer, die NEXT GENERATION, ausgezeichnet.
Diese Woche im Porträt: Julia Glaser vom fränkischen VDP-Weingut Glaser-Himmelstoß – mit klarem Wertekompass, tief verwurzelter Naturverbundenheit und dem festen Glauben an die Kraft der Gemeinschaft.
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„Der gesündeste Weg ist der Weg in den Weinberg.“ So stand es über der Eingangstür des Großvaters. Heute prägt diese seit Generationen gelebte Naturverbundenheit die Haltung der jungen Winzerin ganz wesentlich. In und mit der Natur arbeiten zu dürfen, ist für Julia Glaser ein besonderes Privileg. Sie versteht sich und ihre Arbeit als Teil des Ökosystems Weinberg. Gemeinsam mit Mutter Monika und Vater Wolfgang kümmert sich die Winzerin im 14 Hektar großen VDP-Betrieb um die Lagen in Nordheim, Dettelbach und Sommerach. „Unsere Weine sind das Produkt unserer Heimat, unserer Leidenschaft und unserer Werte“, erklärt die junge Winzerin, die seit April 2023 auch für das Gästehaus mit Weinbar und Events in Dettelbach verantwortlich ist.
Welche Werte und Prinzipien leiten dich bei deiner Arbeit als Winzerin?
Integrität ist für mich kein Schlagwort, sondern gelebte Haltung. Werte lassen sich nicht in beruflich und privat trennen – sie prägen mich in jedem Kontext. Wenn ich über unser Weingut spreche, denke ich sofort in der Wir-Form. Glaser Himmelstoß gibt es nur im Zusammenhalt und als Gemeinschaft. Jeder Einzelne, ob als festes Team oder Freunde und Familie, die uns unterstützen – alle tragen dazu bei, dass es uns gibt. Gerade die Freundschaft untereinander macht es uns möglich, mit Respekt und Wertschätzung über Vorstellungen, neue Ideen, aber auch etablierte Herangehensweisen zu diskutieren. Das ehrliche Miteinander und die Begegnung auf Augenhöhe ist unser größter Hebel, wenn es um Weiterentwicklung geht. Auf diese Weise bleiben wir offen, lernfähig und innovativ, ohne dass wir unsere Wurzeln verlieren.
Was fasziniert dich in deinem Metier am meisten?
Das ist seine Vielschichtigkeit – im Produkt selbst wie auch im Entstehungsprozess. Kein Wein, den ich jemals verkosten durfte, war einem anderen gleich. Manchmal liegen allein zwischen zwei unterschiedlichen Gärgebinden Welten. Wein ist und bleibt lebendig, mit seinen Anfängen im Weinberg bis zum letzten Schluck aus der Flasche. Vielschichtig ist aber auch unser Beruf. Wir sind Naturliebhaber, Landwirte, Handwerker, Philosophen, Wissenschaftler, Techniker, Feinmotoriker, Verkäufer, Gastgeber und Genusslieferanten, die viele Menschen zusammenbringen.
Welche Rolle spielt die Verbindung von Tradition und Innovation in deinem Weingut und wie schaffst du es, deine eigene Handschrift zu entwickeln?
Tradition gibt Halt und Orientierung gegenüber dem, was vor uns war. Gleichzeitig ist Innovation unverzichtbar – nicht als Selbstzweck, sondern als Möglichkeit, diese Tradition lebendig zu halten. Jedes Jahr stellt uns vor neue Herausforderungen und jedes Jahr verlangt nach neuen Antworten. Die „eigene Handschrift“ zeigt sich für mich deshalb nicht nur im Wein auf der Flasche, sondern auch auf dem Weg dahin – im aufrichtigen Umgang mit allen natürlich beteiligten Prozessen, genauso wie in der respektvollen Zusammenarbeit mit allen beteiligten Mitmenschen. Gerade weil jedes Jahr Unvorhergesehenes bereithält und keine Erkenntnis stupide kopiert werden kann, bleibt der Weg zur eigenen Weinstilistik ein nie endender Lernprozess – geprägt von Erfahrung, Offenheit, Respekt und Intuition. Dieser Wertekompass ist das Werkzeug meiner eigenen Handschrift.
Wo, mit was inspirierst du dich für Neues?
Ich glaube, das Geheimnis neuer Inspiration liegt darin, nicht nur an vermeintlich erfolgversprechenden Orten nach ihr zu suchen. Oft findet man sie dort, wo man sie am wenigsten erwartet. Offenheit ist dabei der Schlüssel. Inspiration ist nicht immer nur der eine genau definierbare Moment, das eine bestimmte Gespräch, die eine Person oder der eine Wein. Nicht selten entsteht Inspiration in unscheinbaren, leisen Prozessen, die Aufmerksamkeit und die Bereitschaft erfordern, genauer hinzusehen. Sie kann auch aus Kritik entstehen – genau dann, wenn unsere eigenen Überzeugungen ins Wanken geraten; oder aus vermeintlichem Scheitern, wenn wir gezwungen sind, umzudenken.


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